Naloxon kann Leben retten!

Mehr als die Hälfte der Drogentodesfälle in Deutschland gehen auf das Konto von Atemlähmungen durch Überdosierung. Naloxon kann hier Leben retten! Naloxon ist ein Opioid-Antagonist (Gegenspieler): Es hebt die Wirkung von Heroin, Codein & Co. auf, weil es die Rezeptoren für Opioide besetzt. Naloxon kann deshalb bei einer Überdosis eingesetzt werden, wenn die Atmung nicht mehr ausreicht oder zum Stillstand gekommen ist. Ansonsten hat Naloxon keine Wirkung!

Naloxon kann von jedem Arzt bzw. jeder Ärztin auf Privatrezept verschrieben werden. Eine Ampulle kostet ca. 8 Euro. Einige Aids- und Drogenhilfen wie auch Selbsthilfeprojekte bieten Erste-Hilfe-Kurse für Drogennotfälle an. Dort kann man sich auch über den Einsatz von Naloxon informieren.

Zunächst gilt: Immer erst einen Notarzt anrufen (112!).

Bei nicht ausreichender Atmung: Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung.

Bei Atemstillstand: Wiederbelebung (30 Herzdruckmassagen mit einer Geschwindigkeit von zwei Druckmassagen pro Sekunde, ca. 5 cm tief eindrücken), dann zweimal Luft in den Mund oder die Nase einblasen.

Jetzt eine halbe Ampulle Naloxon geben: per Spritze in den Oberarmmuskel (keine Zeit mit der "Venensuche" verschwenden!) oder mit dem Nasalzerstäuber (einfach auf die Spritze aufsetzen) in die Nase. Danach Wiederbelebung fortsetzen.

Sollten Atmung und Herzschlag nicht innerhalb von zwei bis drei Minuten wieder einsetzen, den Rest der Ampulle verabreichen. Falls nötig, Wiederbelebungsmaßnahmen fortführen – und bei der Person bleiben, bis der Notarzt bzw. die Notärztin eintrifft!

Naloxon ist ein sehr sicheres Medikament. Es kann allerdings sein, dass die Person mit Entzugserscheinungen wieder zu Bewusstsein kommt. Bei Entzugserscheinungen kein Heroin (oder ein anderes Opioid) konsumieren! Opioide sind zunächst wirkungslos, weil die Rezeptoren im Gehirn immer noch "besetzt" sind. Wenn die Opioide dann nach ca. einer halben Stunde wieder "andocken" können, kommt es zu einer schlimmeren Überdosis als vorher!

Die Entzugserscheinungen verschwinden im Laufe der nächsten Stunden wieder. Die im Blut noch vorhandenen Opioide kommen dann wieder zur Wirkung, und es kann erneut zu einer Atemlähmung kommen. Die betroffene Person deshalb nach der Naloxon-Gabe noch ca. zwei Stunden beaufsichtigen.

Naloxon ist laut dem bundesdeutschen Arzneimittelgesetz verschreibungs- und apothekenpflichtig. Eine Verschreibung auf Privatrezept kann an Opiatgebrauchende erfolgen, wenn die Indikation Opiatabhängigkeit vorliegt. Die verschreibenden Ärzt*innen unterliegen hierbei einer Aufklärungspflicht, sie müssen also zum korrekten Verhalten bei Überdosierungen und zum Einsatz von Naloxon aufklären. Diese Aufklärungspflicht kann an eine fachkundige Person oder Einrichtung delegiert werden, wonach Ärzt*innen nur noch die Teilnahme an der Unterweisung überprüfen werden (etwa durch eine Teilnahmebescheinigung).

Bundesärztekammer:
Die Bundesärztekammer hat in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2002 festgestellt, dass hinsichtlich der Abgabe von Naloxon zum Zweck der Laienhilfe im Notfall keinerlei Bedenken bestehen. Wird die Verschreibungs-, Apotheken- und Aufklärungspflicht erfüllt, so gibt es weder arznei- noch standesrechtliche Probleme hinsichtlich einer Naloxonabgabe zum Zweck der Laienhilfe im Drogennotfall.

Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit:
Das Bundesgesundheitsministerium formulierte in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2008, dass die Laienhilfe mit Naloxon nicht ausdrücklich geregelt, eine Anwendung durch geschulte Laien jedoch auch nicht ausgeschlossen ist. In seiner Stellungnahme von 2014 definiert das Ministerium die Naloxonvergabe von Laien im Rahmen der Überlebenshilfe als zulässige, zusätzliche Handlungsoption zum etablierten Notärztesystem. Das Ministerium weist aber auch nochmals darauf hin, dass die berufsrechtliche Beurteilung der Zulässigkeit in der Verantwortung der regionalen Ärztekammern liegt. Eine Stellungnahme der Kammern liegt aktuell jedoch noch nicht vor.

Diese und weitere Informationen finden sich in der Broschüre "Naloxon: Ein Leitfaden zur Naloxonvergabe an Opiatkonsument*innen im Rahmen niedrigschwelliger Drogenarbeit", verfasst von Marco Jesse und herausgegeben von JES NRW.

Weitere Informationen zu rechtlichen Fragen finden sich auch in der Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Frank Tempel, Ulla Jelpke, Katja Kipping, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE vom 24. Januare 2017 zu den "Rechtlichen Vorgaben zur Verschreibung und Anwendung von Naloxon" (Deutscher Bundestag, Drucksache 10958).

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (engl. WHO) als auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (engl. EMCDDA) empfehlen die Ausweitung von sogenannten "Naloxon-Take-Home-Programmen", also die Vergabe von Naloxon an Opiatkonsument*innen sowie ihre An- und Zugehörigen als Notfallmedikation. Bisher geschieht dies in Deutschland jedoch nur im Rahmen weniger Modellprojekte, zum Beispiel in Berlin und Frankfurt, ab 2018 auch in Bayern. Darüber hinaus steht Naloxon lediglich Mitarbeiter*innen der Rettungsdienste zur Verfügung.

Die Verschreibungspraxis für Naloxon ist in Deutschland im internationalen Vergleich restriktiv: Es darf zwar, sollte es zu einer Überdosis kommen, im Rahmen der Laienhilfe von jedem und jeder angewendet werden (s.o.). Verschrieben werden darf es jedoch nur für Drogengebrauchende selbst, zur eigenen Anwendung – eine Praxis, die völlig an der Realität vorbeigeht. Hinzu kommt, dass die sachgerechte Anwendung von Naloxon vielen Drogengebrauchenden nicht bekannt ist und viele Halbwahrheiten und Mythen im Umlauf sind.

Um dem Abhilfe zu schaffen, bieten JES NRW und VISION in Köln in einem Peer-to-Peer-Ansatz Trainings zu Drogennotfällen und zur korrekten Anwendung von Naloxon an. Weitere Ausführungen zu den oben genannten Hintergründen und Hilfestellungen zur Durchführung eigener Trainings in niedrigschwelligen Einrichtungen finden sich in der Broschüre "Naloxon: Ein Leitfaden zur Naloxonvergabe an Opiatkonsument*innen im Rahmen niedrigschwelliger Drogenarbeit", die auch als gedruckte Version per Mail an brigitte.bersch@aidshilfe.nrw.de über die Aidshilfe NRW bezogen werden kann.

Derzeit gibt es bundesweit fünf Naloxon-Projekte: